Das Prosagedicht ist in der deutschen Literaturwissenschaft seit jeher als recht heikles literarisches Phänomen angesehen worden: Zum einen verweigert es sich in seinem Oszillieren zwischen Prosa und Lyrik der klassischen Gattungstrias. Es ist ein Störelement und erzwingt eine Revision des Gattungssystems. Zum anderen bleibt das deutsche Prosagedicht merkwürdig blass im Vergleich zum schillernden gesamteuropäischen Kontext der Gattung, die geprägt ist von Größen wie Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Stéphane Mallarmé und Ivan Turgenev.
Das Seminar setzt nach einer kurzen kritischen Diskussion der Gattungstrias bei zwei Vorläufern in der deutschen Literatur ein: gelesen werden die Hymnen an die Nacht von Novalis, deren handschriftliche Versfassung mit der gedruckten Prosafassung verglichen wird, und der Roman Flegeljahre von Jean Paul, in den sog. "Streckverse" eingebaut sind. Anschließend sollen die Kleinen Prosagedichte (Le Spleen de Paris) von Charles Baudelaire als 'Geburtstexte' des modernen Prosagedichts und als paradigmatischer Ausdruck der literarischen Moderne gelesen werden. Als noch einflussreicher für die deutsche Literatur erwiesen sich jedoch Ivan Turgenevs Gedichte in Prosa, da Baudelaire erst sehr spät übersetzt wurde (u.a. von Stefan George). Dem folgt die Lektüre von Prosagedichten von Hugo von Hofmannsthal, Stefan George und Rainer Maria Rilke. Wo immer es möglich ist, werden dabei Prosa- und Versfassung verglichen und Widersprüche zwischen dichterischem Schaffen und poetologischen äußerungen aufgezeigt (etwa wenn Rilke in seinem Vortrag "Moderne Lyrik" Prosagedichte verwirft und zeitgleich Prosagedichte verfasst).

