HS: Satzzeichen. Interpunktion als poetisches Verfahren

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Ist es mit der Interpunktion möglicherweise wie mit der Religion, ist sie Privatsache? Das gilt sicher nicht für die normierte Verschriftlichung von Sprache in ihrem alltäglichen Gebrauch, wo ein richtig gesetztes Satzzeichen über die Note entscheiden oder den Bildungsgrad verraten kann - auf die Literatur aber trifft es durchaus zu, nutzt diese die Interpunktion doch gern als zusätzliche Ausdrucksmöglichkeit. Dabei lassen sich verschiedene Dimensionen unterscheiden:

Zum ersten die onomatopoetische Verschriftung der Lautsprache. "Anähneln der Schrift an die Stimme" nennt es Adorno in seinem Aufsatz "Satzzeichen", wenn Satzzeichen die Nähe zum Mündlichen markieren. Unzählige literarische Werke zeichnen sich durch den Versuch aus, die lautliche Gestalt des Werkes durch die 'richtige' graphische Realisation eineindeutig zugänglich zu machen. Dies soll am Beispiel der russischen Symbolisten diskutiert werden, von dessen bekanntestem, Andrej Belyj, berichtet wird, er habe seiner Frau mehrere graphische Varianten eines Gedichts gezeigt und gefragt: "Schau - welches klingt besser?"

Satzzeichen können aber auch semantische Eigenqualität annehmen. Davon zeugen die berühmten Auslassungspunkte in Puškins Evgenij Onegin und der wohl berühmteste Gedankenstrich in der deutschen Literatur, in Kleists Marquise von O... Ersetzen sie bei Puškin ganze Strophen und sind so Teil eines parodistischen Sujetverfahren, dienen sie bei Kleist als Leerstelle für das ungeheure Geschehen.

Am Beispiel der Visuellen Poesie (etwa Morgensterns "Fisches Nachtgesang"), der Dadaisten (z.B. Kurt Schwitters und Man Ray) und der russischen Futuristen lässt sich beobachten, wie die graphische Gestalt der Interpunktionszeichen in den Vordergrund rückt und sich der Text in eine Textur verwandelt.

Eine weitere Funktion der Interpunktion ist erst in jüngster Zeit ins Blickfeld der Literaturwissenschaft geraten: die Bedeutung von Satzzeichen für den kreativen Schreibprozess. An Notizblättern und Handschriften von Dichtern soll herausgearbeitet werden, wie sich - nicht zuletzt mit Hilfe der Satzzeichen - im Schriftbild und Schreibprozess eine gedankliche Ordnung herausbildet und organisiert und Denkräume erschrieben werden.

Und zum Schluss sollen untersucht werden, was passiert, wenn Satzzeichen eliminiert werden. Ein klassisches Beispiel dafür ist das letzte Kapitel in Joyce Ulysses.

Literatur: Adorno, Theodor W.: Satzzeichen, in: ders.: Noten zur Literatur; Aleksandr Puškin: Evgenij Onegin; Kleist: Die Marquise von O…; Joyce, James: Ulysses, (letztes Kapitel)

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