Die Erfahrung des Ephemeren ist eine spezifisch moderne. Erinnert sei an Baudelaires berühmte Bestimmung der modernité von 1863: "Die Modernität ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige [...]". Es verwundert daher wenig, dass ephemere Phänomene gerade in der Moderne ins Zentrum der ästhetischen Diskussion rücken, da sie in ihrer Flüchtigkeit und Vergänglichkeit die Dynamik, die Bewegung, die Geschwindigkeit des modernen Lebens aufnehmen. Als exponierte Spielart des Ephemeren erweist sich der Tanz, der um diese Zeit aus seiner Hintergrundposition in der Hierarchie der Künste tritt. Er wird zum Symbol der Moderne und übernimmt im fundamentalen Umbruch der Zeichen- und Mediensysteme um 1900 eine ästhetische Leitfunktion.
Das Seminar gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil geht es um das Transitorische in der Kunst. Betrachtet werden Bearbeitungen des Schleiertanzes der Salomé (Oscar Wilde, Gustave Flaubert, Richard Strauss) und Gedichte der europäischen Moderne (Rainer Maria Rilke, William Butler Yeats, T.S. Eliot, Hugo von Hofmannsthal, Paul Valéry, Aleksandr Blok u.a.). Festgehalten werden sollen die typischen Topoi, mit denen über Tanz reflektiert wird, und die literarischen Verfahren, mit deren Hilfe die Metamorphosen und flüchtigen Bewegungen der Tänzerinnen eingefangen werden.
Im zweiten Teil geht es um das Transitorische der Kunst, denn der Tanz (insbesondere der Serpentinen- und Feuertanz von Loïe Fuller) wird im ästhetischen Diskurs jener Zeit zum Vorbild für das moderne Kunstwerk. Wie der Tanz soll auch die Dichtung den Augenblick zwischen Entstehen und Vergehen in sich tragen. In diesem Sinn erklärt Stéphane Mallarmé den Tanz zum Modell seiner "poèsie pure". Auch Paul Valéry macht den Tanz zum poetologischen Modell. Den dynamischen Werkbegriff, der sich hier andeutet, wird Theodor W. Adorno später in die Formel des "Kunstwerks als Augenblick" fassen.

